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Aktuell: Interview mit Prof. Dr. Stoll von Vanessa Pinn und Wiebke Höpner vom 20.11.07 zum Thema

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Interview der ehemaligen Studierendenzeitschrift Karoshi mit Prof. Dr. Stoll

 

Karoshi: Was für ein Student waren Sie selbst: Haben Sie sich Zeit gelassen oder das Studium schnell durchgezogen? Waren Sie ein Rebell oder eher angepasst? 

Stoll: In der Zeit kurz vor ’68 haben wir schon ’ne Menge demonstriert, sehr viel mehr als das heute üblich ist. Damals hat man noch eher langsam studiert, ich habe sechs Jahre gebraucht. Das war schon relativ schnell gewesen angesichts der Tatsache, dass ich auch zweimal im Ausland war. Als ich im 10. Semester zu einem Professor ging und sagte, ich wolle meine Staatsexamensarbeit schreiben, sagte der: „Was? Jetzt schon?“ Normalerweise hat man 14 bis 16 Semester studiert. (Als ich hierher nach Germersheim kam, gab es viele Studenten, die im 20. Semester mal ihr Examen versuchten.)  Wir studierten damals alles Mögliche. Ich habe zum Beispiel auch immer wieder in Wirtschaftswissenschaftsvorlesungen gesessen. Das war grauenhaft, weil das oberste didaktische Prinzip der Einführungsveranstaltungen die Abschreckung war. In Psychologie hab’ ich Lehrveranstaltungen besucht, auch sehr ausführlich Philosophie betrieben, weil es mich aus persönlichen Gründen sehr interessierte.

Man hat noch in viele Fächer reingerochen. Das ist natürlich auch ein Vorteil von Saarbrücken gegenüber Germersheim, der für Übersetzter sehr interessant ist: Es ist eine Campusuniversität, und wenn ich eine Übersetzung über irgendein Thema aus der Technik zu machen hatte, saß ich in der Mensa an einem langen Tisch und fragte: „Studiert hier jemand Physik? Kann mir mal einer was erklären?“

Karoshi: Als Sie in den USA gelehrt haben, war das gerade die Zeit von Hippies und der Anti-Vietnam Bewegung. Was war unter den Studenten zu fühlen? Wie haben Sie das mitbekommen?

Stoll: Die Studierenden waren, verglichen mit den deutschen, äußerst angepasst und brav. Vor allem wenn man bedenkt, dass ganz in der Nähe von Youngstown, Ohio während ich da war, dieses Massaker in Kent State stattfand. Da war eine Anti-Vietnam Demo, bei der sechs Leute erschossen wurden.

Aber in Youngstown blieb alles völlig ruhig.

Bis auf diese verklemmten amerikanischen Scherze: Das College, an dem ich in Dubuque, Iowa unterrichtete, war ein Jesuitencollege, da gab es nur Männer, und dann war außerdem noch eins für junge Damen in der Stadt. Die Jungs erlaubten sich so pubertäre Scherze wie „panty raids“: Männertrupps fielen ins Wohnheim ein und fanden es unheimlich keck, die Unterhosen der Mädchen aus dem Fenster zu werfen.

Karoshi: Haben Sie eine Anekdote parat zu einem Ihrer Auslandsaufenthalte?

Stoll: Bei Universitätstänzen musste immer ein „chaperon“ da sein, und ich wurde - mit 25 - auch zum „chaperon“ ernannt, bekam ein Merkblatt in die Hand gedrückt, auf was ich alles zu achten habe, und eines der Dinge war, dass zwischen den Körpern der Studierenden, wenn sie miteinander tanzten, zehn Inch, also 25 cm, Abstand sein musste. Hab’ ich mir dann auch zu Herzen genommen und bin zu diesem Tanz gegangen und hab’ mich in die Ecke gestellt. Da waren so, was weiß ich, 1000 Studentinnen und Studenten. Na ja, zunächst wurde was Schnelles gespielt, ein Boogie, und da zappelten sie alle rum, war kein Problem, die Körperabstände zu beachten. Aber dann kam ein Blues und tausend Leute fielen in den Clinch ... da bin ich nach Hause gegangen. Ich konnte ja nicht jedem auf die Schulter klopfen und sagen: „Zehn Inch“.

Karoshi: Wieso haben Sie sich gerade Amerika ausgesucht für ihre Lehrtätigkeiten? Hat sich das durch irgendwelche Fördermaßnahmen ergeben, oder haben Sie sich das selbst ausgesucht?

Stoll: Erst mal war das eine Möglichkeit, überhaupt einen Job zu finden, und zweitens promovierte ich ja als Amerikanist und kriegte da die Literatur, die ich brauchte - inklusive Dutzender amerikanischer Dissertationen, die nur maschinenschriftlich vorlagen. Die konnte ich nur über die amerikanische Fernleihe bestellen. Außerdem war Amerika damals etwas ganz Exotisches. Es gab kaum jemanden, dem es möglich war, dorthin zu fliegen. Das hat 1.600 Mark gekostet. Sie werden sagen, das ist nicht viel mehr als heute, aber damals war das ein kleines Vermögen, das müssen Sie von der Kaufkraft her mal vier nehmen. Ich musste mir das Geld leihen, um dahin zu kommen. Das war sehr reizvoll, ich kannte damals noch überhaupt niemanden, der schon einmal in Amerika gewesen war, außer einem Onkel von mir, der dahin ausgewandert war. 

Karoshi: Dann ist es ja eigentlich erstaunlich, dass sie ihren Forschungsschwerpunkt auf die Afrikanistik - also etwas völlig Anderes - gelegt haben. 

Stoll: Na ja, danach habe ich meine Habilitation in der Anglistik vorgenommen, über das zeitgenössische Theater. Da habe ich auch zwei Bücher und eine Reihe von Artikeln geschrieben, und erst die letzten zehn Jahre betreibe ich Afrikanistik, davor auch karibische Literatur. Eigentlich weil ich dachte, das sollte hier in Germersheim mal jemand anbieten. Ich bin darauf gekommen, weil ich Hunderte von Artikeln für Kröners Lexikon der Weltliteratur geschrieben habe. Da kam bei den englischsprachigen Autoren, die ich zu behandeln hatte, auch eine ganze Reihe von Afrikanern vor, und ich fand das höchst interessant. Dann hab ich mich eingelesen, und das war die Sorte von Literatur, die mir am meisten Neues geboten hat, bei der ich die meisten Vorurteile loswurde. Ich dachte mir, das muss man irgendwie weitergeben, diese Möglichkeit, sich aus hergebrachten Konventionen, Ideologien und Vorurteilen zu befreien und mal was ganz anderes aus und über Literatur kennen zu lernen, eine ganz neue Sichtweise.

Karoshi: Sie haben Bücher über englisches Theater geschrieben, dann gewechselt in die Afrikanistik und auch Bücher geschrieben ...

Stoll: In der Afrikanistik hab ich bisher nur Artikel veröffentlicht, noch kein Buch. Das Buch ist schon seit Jahren in Arbeit und jetzt so gut wie fertig. Da müsste ich nur mal ein bisschen Zeit haben, und die werd’ ich im nächsten Forschungssemester haben und das dann abschließen. Ist ein dickes Buch ... 400 Seiten oder so.

Karoshi: Außer für Afrika, das haben wir schon angesprochen, interessieren Sie sich auch für englisches Theater. Wer ist Ihr Lieblingsdramatiker, und warum?

Stoll: Das war Harold Pinter, nach dem habe ich ja auch dieses Buch genannt. Jetzt mittlerweile finde ich Edward Bond faszinierend ... und Caryl Churchill ist natürlich ganz super - eine postmoderne, feministische, äußerst experimentierfreudige Autorin.

Karoshi: Sie haben zu diesem Thema in letzter Zeit keine Veranstaltungen angeboten ...

Stoll: Doch, Carol Churchill hab’ ich angeboten, vor zwei, drei Jahren das letzte Mal. Aber in letzter Zeit behandle ich vorwiegend linguistische Themen und in der Literatur vorwiegend Afrika.

Karoshi: Haben Sie geplant, wieder Veranstaltungen zum englischem Theater anzubieten?

Stoll: Das macht jetzt Herr Kollege Müller, der Nachfolger von Herrn Drescher. Das ist auch dessen Spezialgebiet, deswegen will ich das jetzt nicht mehr betreiben - damit da nichts kollidiert. Theater hatte ich hier vor allem angeboten, weil Herr Drescher daran nicht interessiert war, und ich dachte, man solle sich gegenseitig ergänzen, damit das ganze Spektrum hier abgedeckt wird. Ich würde gerne auch noch Indien und Australien und all so was in der Lehre abdecken, aber das kann man gar nicht leisten. Das ist einfach zu viel Literatur, die da über uns hereinbricht. Es ist ja im Moment so, dass mehr Literatur veröffentlicht wird - auch auf ganz hohem Niveau - von englischen Autoren, die nicht Briten oder Amerikaner sind, als von Briten oder Amerikanern.

Karoshi: Gehen wir jetzt mal ein bisschen vom Beruflichen weg. Wenn Sie´s uns verraten wollen, würden wir doch gerne wissen, wie Sie ihre vorlesungsfreie Zeit verbringen - ob das auch mehr in Arbeit übergeht - oder ob Sie sagen, es gibt auch noch etwas, das sich komplett davon abhebt?

Stoll: Die vorlesungsfreie Zeit verbringe ich in der Tat, weil mein Hobby weitgehend identisch ist mit meinem Beruf, mit Lesen, mit Schreiben an Artikeln, an Büchern, denn so ein Buch braucht halt ein paar Jahre, bis es so weit ist. Wenn Sie überlegen, dass ich da Dutzende oder Hunderte von Werken behandle, die wollen ja auch gelesen werden.

Und mein wichtigstes Hobby, abgesehen von dem, was auch mein Beruf ist, ist das Wandern. Sehr gerne mach’ ich Bergtouren. Ich bin ein masochistischer Wanderer, der vorzugsweise über 30 Kilometer am Tag marschiert. Die Alpen hab’ ich mal überquert, vom Bodensee bis Meran und solche Scherze.

Und natürlich Reisen. Beim Reisen ist es insbesondere angenehm, wenn das auch noch Dienstreisen sind, wie nach China. Da wurde ich hier regelrecht entlassen, und war dann für jeweils vier Wochen Angestellter der GTZ, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die die Entwicklungshilfe organisiert. Als Entwicklungshelfer war ich dann zweimal in China, wo es darum ging, eine Übersetzer- und Dolmetscherausbildung auf die Beine zu stellen.

Karoshi: Uns würde interessieren, ob es ein herausragendes Erlebnis in ihrem Leben gibt, etwa einen besonderen Triumph oder eine große Niederlage, Rückschläge oder Brüche?

Stoll: Der Hauptbruch ist natürlich mein Beruf überhaupt. Ich komme aus Neunkirchen/Saar. Da gab es, als ich klein war, 45.000 Einwohner und ein Stahlwerk mit 15.000 Mitarbeitern und einige Kohlengruben. In meiner ganzen Familie und in unserem Bekanntenkreis gab es überhaupt niemanden, der mit etwas anderem beschäftigt war als der Herstellung von Stahl. Meine Mutter sagte immer, als ich ungefähr 30 war, wenn jemand sie fragte: „Was macht denn der Heinz?“ – „Der ist ein Aussteiger“, weil ich eben nicht so etwas Handfestes, Vernünftiges machte, wie Stahl zu produzieren. Irgendwie war ich das schwarze Schaf in der Familie. Es war immer ein Rechtfertigungszwang da, der sich heute noch darin äußert, dass ich immer gerne handwerklich tätig bin. Ich mache alle möglichen Dinge … fange alles an, ob ich es dann beende, ist eine ganz andere Frage. Aber ich geh an alles ran, ob es Kacheln oder Parkett verlegen ist oder Anstreichen oder am Auto basteln. Das ist halt so ein Komplex, weil ich so etwas nicht gelernt habe. Ich wollte ja auch mit 15, 16 alles andere als meinen jetzigen Beruf ergreifen. Da dachte ich, ich werde Automechaniker oder so etwas. 

Karoshi: Haben Sie noch weitere Wünsche für die Zukunft? Gibt es noch spezielle Ziele, die sie erreichen möchten?

Stoll: Ich muss sagen, dass ich außerordentlich glücklich bin mit diesem Beruf, dass ich mich rundherum wohl fühle, dass ich das sehr, sehr gerne mache und ich froh bin, diesen Beruf gewählt zu haben. Als ich kurz vor dem Abitur stand, hab’ ich Existenzialisten gelesen, auf einer Bank im Stadtpark, und konnte es richtig nachempfinden, dieses  Hinausgehaltensein ins Nichts. Ich wusste gar nicht recht, wohin ich mich orientieren sollte. Ich habe ja ein klasse Abitur gemacht, ein Einser-Abi, das beste seit sechs Jahren an dem Gymnasium, und hätte alles wählen können. Da hab ich mir überlegt: Jurist - da hast du immer nur mit gescheiterten Existenzen zu tun, da wirst du zynisch. Oder Arzt - na ja, da musst du die ganze Zeit kranke Omas behandeln, da wirst du traurig. Und so bin ich einen Beruf nach dem anderen durchgegangen und dachte schließlich, Lehrer oder Dozent, das wäre doch ganz schön. Da hat man mit viel versprechenden, intelligenten jungen Leuten zu tun, die ihre Karriere noch vor sich haben. Und es ist wunderbar, ihnen etwas auf den Lebensweg mitgeben zu können. Ich habe auch viel Kontakt mit Ehemaligen. Meine besten Freunde sind alles Ehemalige, die vor zehn, zwanzig, fünfundzwanzig Jahren Examen gemacht haben und mit denen ich mich immer wieder treffe. Gerade vor drei Wochen habe ich eine Studentin und ihren Mann besucht, die hat ’72 hier ihr Examen bestanden, und das ist wunderschön zu beobachten, wie sich jemand erfolgreich im Leben einrichtet - die hat übrigens gar nichts mit Übersetzen am Hut. Auch mit dem Ehemaligenverein verstehe ich mich hier prima. (Zeigt ein Foto von sich am Rednerpult anlässlich des 50. Jubiläums des Fachbereichs mit vielen Unterschriften der ersten Studenten auf der Rückseite.)

Ich finde auch den ganzen Fachbereich insgesamt sehr, sehr erfreulich. Ich habe auch andere Lehrerfahrungen gemacht. Außer den schon genannten in Amerika hatte ich mal ein paar Semester in Landau einen Lehrauftrag, und das war ein Unterschied wie Tag und Nacht, allein vom Niveau der Studierenden her. Die Germersheimer Studenten sind belastbar, die sind von vorneherein hoch qualifiziert und motiviert. Wir haben ja eine positive Auswahl durch den Numerus Clausus.

Ich kenne auch unsere Schwesterinstitute in Saarbrücken, in Heidelberg - wo ich selbst unterrichtet habe und wo mein Sohn jetzt unterrichtet - und in Leipzig, wo ein „Doktorsohn“, dessen Habilitationsschrift ich auch betreut habe, jetzt der Leiter ist. Und wir sind in Germersheim nicht nur die größte Institution dieser Art auf der Welt, wir sind auch sehr gut, das sollte man laut sagen.

Karoshi: Gibt es noch irgendetwas, das Sie den Studenten mit auf den Weg geben wollen?

Stoll: Na ja, was ich eben gesagt habe, dass dies eine Institution ist, auf die man stolz sein kann und auch, dass sie privat prägend ist fürs Leben, etwa in Bezug auf die Tatsache, dass bei allen Ehemaligen, mit denen ich Kontakt habe, der private Freundeskreis vorwiegend aus Leuten besteht, die auch in Germersheim studiert haben.

                                                                                                   Sabine und Nicole

 

 

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Stand: 01.05.11                                                                                                                            (c) 2004 - 2011  A. Hertel